Boxblitz
"du stehst da im Stockfinsteren und kannst jederzeit eine in die Fresse bekommen. Und während du das denkst, kann die Faust schon nur noch fünf Zentimeter von deiner Nase entfernt sein ..."
Boxblitz ist eine physische Performance. Sie basiert auf dem klassischen Boxen und verbindet es mit sensorischer Deprivation und künstlichen Sensoren.
Die Kämpfer werden mit zusätzlichen Sensoren ausgestattet, die ihre Sinne erweitern. In die Boxhandschuhe sind Berührungssensoren eingebaut. Um den Kämpfern den Einfluss dieser Sensoren begreiflich zu machen, wird der Umweg über die unmittelbare Umgebung genommen: Der Boxring liegt in völliger Dunkelheit. Um jede Orientierung über das Gehör zu verhindern, wird der Ring mit lauter Musik geflutet. Der einzige Weg, wie sich ein Kämpfer ein Bild seiner Lage machen kann, ist, einen Schlag zu landen. Trifft der Boxhandschuh hart genug auf ein Hindernis, wird augenblicklich ein einzelner Lichtblitz ausgelöst. Ein Schnappschuss brennt sich in die Netzhaut. Auf dieser Grundlage müssen die weiteren Aktionen des Gegners antizipiert, der nächste Schlag geplant werden, der wiederum die nächste visuelle Information liefern kann.
Um den Lichtblitz zu erzeugen, hat der Kämpfer auch die Möglichkeit, sich selbst zu schlagen. Sich gegen sich selbst zu wenden, bringt ihn jedoch sofort aus der Deckung, denn der Gegner bekommt durch den Lichtblitz die unmittelbare Gelegenheit, einen Treffer zu landen.
Die vollständige Reduktion der Sinne auf das schlagabhängige Visuelle, der geteilte Schnappschuss, führt zu einer Synchronisation der Wahrnehmung aller Beteiligten: der Kämpfer und des Publikums. Synchronisiert in den Informationswegen des Sensors.
Hackl the Knuckle
Andy Candy
Künstliche Sinne und Kontrolle
Die Auslagerung der Fähigkeit, sich zu orientieren, stellt den Kämpfer unter die Bedingungen der Technik. In einer Umgebung, die darauf angelegt ist, Abhängigkeit vom Apparat zu erzeugen, diktiert der Apparat die Regeln. Verlangt der Apparat den Angriff, um zu sehen, muss man dem folgen. Man gibt jede Kontrolle ab. Der Versuch, sich den Vorgaben zu widersetzen, wird vom System mit dem Verlust der Sinne und damit dem Verlust der Kontrolle bestraft.
Sinne erfassen unsere Umgebung. Künstliche Sinne können einerseits natürliche Grenzen in der Wahrnehmung unserer natürlichen Umgebung überwinden, andererseits auch die Wahrnehmung einer konstruierten Umgebung ermöglichen.
Ist Wahrnehmung eine konstruierte Umgebung, so ist sie damit auch kontrollierbar.
Die Unmittelbarkeit der Erfahrung
Die unmittelbare Körperlichkeit, der Schmerz und die Verletzung machen die Abhängigkeit vom System sehr direkt spürbar und zwingen innerhalb von Sekunden zur Anpassung an die Regeln, da sonst ein unmittelbarer Nachteil entsteht, der zu einem unangenehmen Treffer führen kann. Die Inszenierung als Kampfsportspektakel, in dem das Publikum die sensorische Einschränkung teilt, vermittelt Faszination und Bedrohung sehr anschaulich. Die sensorische Deprivation und die pochende Musik erzeugen Immersion, die Unvorhersehbarkeit erzeugt den Spannungsfaktor.
Credits
Eine Produktion von ada – artistic dynamic association und ASIFISM in Kooperation mit Digital Spring Festival
Uraufführung | Premiere: 16. März 2018 | ARGE Kultur Salzburg
- Inszenierung und Konzept: Andreas Pils, Michael Hackl
- Kämpfer: Andreas Pils aka Andy Candy, Michael Hackl aka Hackl the Knuckle
- Ringsprecherin: Mimu Merz
- Boxblitz System: Stefan Wiedner, Andreas Pils, Michael Hackl
- Fotos: Markus Zahradnik, Mimu Merz
- Musik: Andreas Pils
- Video, Licht, Technische Leitung: Thomas Grusch
- Bühnenbild: Michaela Grusch
- Nummernboy: Valens Wassibauer
- Sport Support Boxen: Stefan Schauer, Selina Nowak
Vielen Dank an Stefan Sturzer, Bounce Boxclub Wien, Werk Wien, Cornelia Anhaus, Rüdiger Wassibauer, Subnet