"Sie haben mich mißverstanden, Sie sind verhaftet, gewiss, aber das soll Sie nicht hindern Ihren Beruf zu erfüllen. Sie sollen auch in Ihrer gewöhnlichen Lebensweise nicht gehindert sein." - Franz Kafka, Der Proceß

Die Überwachung, die flüstert

Conspirative Whispers ist eine interaktive Überwachungsinstallation, die mit dem Spannungsfeld zwischen Selbstwahrnehmung und dem Wahrgenommenwerden spielt. Für das Forum Alpbach 2008 gebaut, verwandelt diese Arbeit den Akt des Beobachtens in eine theatralische Konfrontation mit sich selbst.

Ein Verbund aus Überwachungskameras verfolgt die Besucher, während ein Multi-Agenten-KI-System entscheidet, wer von ihnen eine „Gefahr für die Gesellschaft“ darstellt. Der ausgewählte Besucher wird auf einer riesigen Leinwand präsentiert, markiert und bloßgestellt. Der einzige Weg, diesem digitalen Pranger zu entkommen? Zur Leinwand gehen und sie anschreien. In diesem Moment verwandelt sich die Leinwand durch eine versteckte Kamera in einen Spiegel — und die markierte Person schreit ihr eigenes Spiegelbild an.

Das Kafka-Protokoll

Inspiriert von Franz Kafkas „Der Proceß“ erzeugt die Installation eine Atmosphäre bürokratischer Absurdität. Das intelligente Multi-Agenten-System beobachtet, bewertet, kommentiert und urteilt. Die Agenten stehen für bürokratische Instanzen und bilden die Außengrenze einer anonymen, undurchdringlichen Macht. Nach ihrem Ermessen werden Menschen in Zeit und Abbild festgehalten — oder zu zuckenden, geisterhaften Schemen reduziert.

Das Indiz der Verdächtigung bleibt verborgen; offengelegt werden nur die Konsequenzen. Argumentationsketten laufen unter dem Bild durch, doch die Logik bleibt undurchsichtig, kindlich, konspirativ.

Der besondere Spaß am Forum Alpbach

Die besondere Freude an der Premiere beim Forum Alpbach 2008 war das Publikum: Entscheidungsträger aus Politik und Wirtschaft fanden sich plötzlich als Gefahren für die Gesellschaft markiert und waren gezwungen, sich ihrem eigenen Bild zu stellen, während sie um digitale Absolution schrien. Sie waren, sagen wir, weniger amüsiert als ich.

Jahre später wurde ich erneut ans Forum eingeladen, um zu diskutieren, ob Innovation Kunst braucht. Die Antwort schrie vielleicht schon damals auf jener Leinwand.

Der poetische Überwachungsstaat

Das Konzept dieser Überwachungsinstallation spielt mit dem Spannungsfeld zwischen Selbstwahrnehmung und wahrgenommen werden. Das lokale Geschehen wird observiert, bewertet, kommentiert und dargestellt.

Die Installation beobachtet das Geschehen an neuralgischen Punkten. Ein so genanntes "intelligent multi agent system" übernimmt die Auswertung, in deren Folge Maßnahmen und mögliche Sanktionen ausgesprochen werden. Entsprechende Argumentationsketten können direkt unter dem Bild verfolgt werden.

Die Agenten beziehen sich auf bürokratische Instanzen und bilden die Außengrenze einer anonymen undurchdringlichen Macht. Nach ihrem Ermessen werden Personen in Zeit und Abbild festgehalten oder zu zuckend geisthaften Schemen.

Das Indiz der Verdächtigung bleibt verborgen, lediglich Konsequenzen werden offen gelegt. Als "Objekt" hat man nur eine Chance den Prozess zu beeinflussen: ihm entgegen zu treten und sich zu artikulieren.

Die Agenten reagieren mit einem visuellen "Ecce Homo", der Screen verwandelt sich in ein Spiegelbild, und wer den Agenten genauer zuhört, wird sich in deren kindlich konspirativem Getuschel wiederfinden.

Das Fehlen gravierender Konsequenzen auf das Zielobjekt nimmt die unmittelbare Bedrohung der Observierung zurück, das liebenswert naive Stolpern der Agenten in ihrem eingeschränkten Wort- und Erfahrungsschatz bekommt beinahe einen Hauch von Poesie.

Ausstellungsgeschichte

  • Forum Alpbach - 16. August 2008 (Premiere)
  • Lange Nacht der Forschung Salzburg - Wo Forschung auf Paranoia trifft
  • labs.30 Festival Augsburg - Digitale Kunst und Überwachungsästhetik
  • Trampoline Festival Nottingham/Derby - Angepasst an britische Befindlichkeiten

Das Team

Geschaffen von Gianni Stiletto (FH Salzburg), Barbara Connert und Michael Hackl (plankton Labs).

„In einer Welt permanenter Überwachung ist die einzige Rebellion, das eigene Spiegelbild so lange anzuschreien, bis aus den Beobachtern die Beobachteten werden — flüsternd Verschwörungen über sich selbst.“