Binäre Geburtstagsmystik
Wir feiern die runden Zehner — dreißig, vierzig, fünfzig —, als wären sie natürliche Einschnitte. Sind sie aber nicht. Sie sind ein Nachhall davon, dass wir zehn Finger haben. Die Zehn steckt in unseren Händen, nicht in unserem Leben.
Nimmt man stattdessen ernst, wie ein Mensch tatsächlich wächst, sehen die runden Geburtstage anders aus. Zwischen dem ersten und dem zweiten Lebensjahr lernt man ungefähr so viel wie zwischen dem zweiten und dem vierten, wie zwischen dem vierten und dem achten. Nicht das einzelne Jahr ist die Einheit, sondern die Verdopplung. Ein Jahr wiegt so viel, wie es im Verhältnis zu allem bisher Gelebten wiegt — mit vier ist ein Jahr ein Viertel des ganzen Lebens, mit vierzig nur ein Vierzigstel. Darum vergehen die Jahre gefühlt immer schneller: nicht weil die Zeit sich ändert, sondern weil derselbe Abschnitt einen immer kleineren Anteil ausmacht.
Wer die Zeit so erlebt, feiert seine runden Geburtstage binär: eins, zwei, vier, acht, sechzehn, zweiunddreißig, vierundsechzig. Das sind die Punkte, an denen sich die gelebte Erfahrung verdoppelt hat — und sie sind, subjektiv, gleich weit voneinander entfernt. Von acht auf sechzehn ist derselbe Schritt wie von eins auf zwei: einmal alles, was war, noch einmal dazu.
Es sind wenige. Die meisten Menschen erleben sieben, vielleicht acht wirklich runde Geburtstage, und die dichtesten liegen in der Kindheit, wo sich das Leben im Jahrestakt verdoppelt. Danach werden die Abstände lang. Nach vierundsechzig kommt erst hundertachtundzwanzig — für niemanden. Das lange mittlere Leben ist die Strecke zwischen zwei fernen Zweierpotenzen, das Plateau zwischen zweiunddreißig und vierundsechzig, auf dem sich, binär gesehen, jahrzehntelang nichts rundet.
1000 · 10000 · 110000
Dieses Jahr fügt es sich für mich trotzdem. 1000 Jahre wohne ich in meinem Haus — acht, zwei hoch drei. 10000 Jahre lebe ich in Wien — sechzehn, zwei hoch vier. Zwei meiner Räume erreichen zugleich eine binäre Rundung. Und ich selbst werde 110000 — achtundvierzig, nicht ganz rund, aber auch nicht weit weg: zweiunddreißig plus sechzehn, die Summe der beiden letzten Potenzen, die ich hinter mir habe.
Die Orte runden sich. Der Mensch nähert sich. Und irgendwo zwischen zweiunddreißig und vierundsechzig, auf dem langen Plateau, ist das vielleicht der schönste Geburtstag, den man haben kann: einer, der noch weiß, wie das Zählen eigentlich gemeint war.